WikimediumArchiv

Aus Wikimedia Deutschland
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Wikimedium 01/12

"MediaWiki war nur ein Versuch"

Ein Gespräch mit Magnus Manske über Wikipedia, den Toolserver und PHP.


Zur Person

MagnusManske

Magnus Manske ist Wikipedianer der ersten Stunde. Am 12. Mai 2001 verfasste er den Artikel “Polymerase-Kettenreaktion”, einer der ersten in der deutschsprachigen Wikipedia. Die Leidenschaft des heute 37-jährigen Doktor der Biologie ist allerdings das Programmieren. Er schrieb die erste Version der Wikimedia Software, die heute unter dem Namen MediaWiki bekannt ist und noch benutzt wird. Manske hat zudem etliche kleine Hilfsprogramme und Anwendungen für den, seit 2005 von Wikimedia betriebenen Toolserver programmiert. In dem Buch “Alles über Wikipedia” beschreibt er die Entstehung von MediaWiki.


Wikimedium: Magnus, dein Artikel “Polymerase-Kettenreaktion” gilt als erster deutscher Wikipedia-Beitrag. Wie wichtig ist dir dieser Titel?

Magnus Manske: Ich erhebe keinen Anspruch auf diesen Titel. “Polymerase chain reaction” war mein erster Beitrag zu | Nupedia, den ich dann in die englische Wikipedia gebracht und später ins Deutsche übersetzt habe. Ich bezweifele, dass es der erste deutsche Artikel war. Meine Benutzer-ID auf de.wikipedia ist #12, also waren schon 11 Leute vor mir angemeldet.

Du schreibst im Wikipedia-Buch, das das Erlernen von PHP deine Motivation war, die Urversion von MediaWiki zu schreiben. Beschreibe doch kurz deinen Programmier-Werdegang?

Ich war zehn Jahre alt, als ich anfing auf einem Atari 800 XL, Software zu schreiben - für den „Eigenbedarf“, weil es Spaß machte. Den ersten Kontakt mit PHP hatte ich, als ich für Jimbo Wales die Nupedia-Software ein wenig nachbesserte. Große Web-Anwendungen hatte ich damals noch nicht programmiert. Das Neuschreiben der Wikipedia-Software war für mich anfangs nur ein Versuch, um zu sehen, ob ich so etwas schaffe. Als ich sah, dass es tatsächlich funktioniert und auch benutzt wurde, war ich begeistert.

Wie verlief damals die Kommunikation unter den Wiki-Programmierern?

Meine Kommunikation mit den anderen Programmierern lief damals per Email. Einige haben auch den Messenger IRC benutzt, aber das war mir immer zu hektisch.

Wie kann es zu der Idee des Toolservers?

Genau kann ich das nicht beantworten. Ich war am Toolserver immer nur als Nutzer „beteiligt“. Aber vor dem Server gab es verschiedene Bots, die auf privaten Servern oder an Universitäten gehostet wurden. Für die erste Wikimania, 2005 in Frankfurt, hat Sun Microsystems Wikimedia einen Server geschenkt. Heute stehen in Amsterdam etwa 20.

Wie viel Zeit steckst du in der Woche in dein in diese unbezahlte Arbeit?

Das variiert stark. Manchmal arbeite ich jeden Abend mehrere Stunden an Tools und Gadgets, dann mal wieder Tage oder Wochen gar nicht. Meistens kommt so ein Arbeitsschub, wenn ich etwas Neues entwickele. Bugfixing kommt oft leider zu kurz.

In welchen Situationen kommen dir Einfälle für neue Tools?

Das passiert meist dann, wenn ich selbst etwas tun möchte und ein Aspekt dieser Arbeit automatisiert werden kann. So habe ich früher manuell nach Artikel-Bebilderung in anderen Sprachen gesucht, bis mir klar wurde, dass solche Suchen viel besser und schneller automatisch durchgeführt werden können: Mein Tool FIST ist das Ergebnis.

Die Tools auf dem Server sollen das Erstellen, Nutzen und Verbessern von Wikipedia-Artikeln erleichtern. Wie sehen die Tools meist aus?

Bei meinen Tools haben Medien einen großen Anteil. Zum Beispiel der unterstützte Transfer geeigneter Bilder von anderen Wikimedia-Projekten und anderen Webseiten nach Commons. FIST ist ein Beispiel dafür. Daneben habe ich auch Tools zur Generierung von MediaWiki-Text aus anderen Formaten und Datenquellen programmiert. Schließlich kommen noch ein paar projektspezifische Tools dazu. Andere Programmierer haben eine Unzahl weiterer Tools laufen. Dazu gehören beispielsweise Anti-Vandalismus-Tools und –Bots, Begriffsklärungsseitentools, Tools zum Umgang mit Referenzen, mit Bildern, mit verwaisten Seiten und mit Tippfehlern sowie Programme zum Auffinden fehlender Sprachlinks.

In welcher Form wird die Qualität der Beiträge durch technische Verbesserungen gesteigert?

Obwohl bessere Technik keineswegs bessere Beiträge garantiert, können technische Verbesserungen durchaus dazu beitragen, die Qualität zu erhöhen. Der benutzerfreundliche „Visual Editor“ ermöglicht zum Beispiel mehr Personen das Editieren von Wikipedia-Artikeln. Daraus ergibt sich eine Qualitätsverbesserung. Gesichtete Versionen zur Vandalismusabwehr auf der deutschen Wikipedia sind ja auch eine Art technischer Verbesserung. Auch externe Programme wie Anti-Vandalismus-Bots, Rechtschreibkontrollen und Referenz-Generatoren helfen bei der Steigerung der Artikelqualität.

Eine der Aufgaben, die sich Wikimedia gesetzt hat, ist die Verbreitung freier Inhalte in Fremdmedien. Was ist aus deiner Sicht dabei die größte Hürde für Journalisten? Wie kann man sie überwinden?

Zunächst einmal ist es essenziell, dass Autoren wissen, was ihnen alles zur Verfügung steht. Ich denke da z.B. an die Fotos auf Commons, die zur Bebilderung von Artikeln und Büchern benutzt werden können. Diese Möglichkeiten müssen besser sichtbar gemacht werden, z.B. in Suchmaschinen. Dann muss den Autoren und ihren Chefs die Angst vor unseren „viralen Lizenzen“ genommen werden. Zeit und viel Überzeugungsarbeit sind gefragt. Praktische Hilfestellung bietet z.B. ein Gadget für Commons, das bei der Einbindung des korrekten HTML-Codes auf fremden Webseiten hilft. Ein großes Gebiet, auf dem ich ein paar Werkzeuge anbiete, ist die Zusammenarbeit von Wikipedia mit Galerien, Bibliotheken, Archiven und Museen, kurz GLAM. Mitarbeiter solcher Institutionen müssen ihren Chefs häufig Gründe für ihre Zusammenarbeit mit Wikipedia nennen, und der Toolserver ist eine gute Quelle z.B. für Bildnutzungs- und Bildverbreitungsstatistiken.

Kannst du Beispiele nennen, wie die drei genannten Probleme Autorengewinnung, Qualitätssteigerung und Verbreitung freier Inhalte technisch gelöst werden können?

Am deutlichsten sehe ich die Vorteile des Toolservers bei der Qualitätssteigerung. Es gibt auf dem Server eine große Auswahl an Werkzeugen, um Inhalte mit bestimmten Kriterien zu finden, zu ändern, zu erweitern oder neu zu erstellen. Zur Verbreitung freier Inhalte gibt es einige Ansätze. Meine Tools Catfood und ImageSiblings sind hauptsächlich für Leser gedacht und zeigen die Größe und Vielfalt unsers Angebots. Es existieren auch Prototypen für weiterreichende Funktionen, z.B. die sprachneutrale Suche (Link). Zur Autorengewinnung scheint es mir am Wichtigsten neue Werkzeuge und Funktionen schnell erstellen und anbieten zu können. Dafür ist der Toolserver hervorragend geeignet. Ein neues Werkzeug ist oft in wenigen Tagen funktionsfähig, während eine ähnliche Funktion in MediaWiki oft erst nach Monaten oder Jahren aktiviert wird. Bestehende Werkzeuge zum Auffinden und Beseitigen kleinerer Probleme in Artikeln können eine „Einstiegsdroge“ für neue Autoren sein und außerdem die Scheu vor komplexen Vorlagen reduzieren.

Was ist dein Lieblings-Tool, bzw. das, auf das du besonders Stolz bist?

Das ist schwer zu beantworten. Ich mag sie alle! Ein populäres Tool ist der CommonsHelper. Mit dessen Hilfe können Bilder und Mediendateien relativ leicht von Wikipedia oder anderen Projekten nach Commons transferiert werden. Mit den Jahren wurden so bereits über eine halbe Million Dateien transferiert und somit allen Wikimedia-Projekten direkt zugänglich gemacht.

Welche Tools sind in Planung? Was müsste unbedingt mal gemacht werden?

Größere Projekte habe ich im Moment nicht in Planung. Vorschläge nehme ich gern entgegen! Einen Wunsch, neben dem ständigen Schrei nach mehr Hardware, hätte ich aber: Auf dem Toolserver ist es im Moment verboten, nach Wikipedia-Anmeldungsdaten wie Benutzername und Passwort zu fragen. Das schränkt einige Funktionen ein oder macht sie umständlich zu bedienen. Außerdem können manche Aktionen auf Wikipedia nicht, oder nur schlecht, dem Benutzer zugeordnet werden. Ich würde mir also ein System wünschen, bei dem ich einen Benutzer als solchen verifizieren kann, ohne nach seinem Passwort fragen zu müssen.

Wikimedium 02/12

Interview mit dem Storyteller Victor Grigas

Victor Grigas

Die jährliche Spendenkampagne handelt nicht von Spenden. Sie handelt von Geschichten. Geschichten von Menschen, denen Wikipedia und Freies Wissen wichtig sind. Persönliche Geschichten, die eine interessante Perspektive auf die Bedeutung von Wikipedia werfen. Doch warum sind Geschichten für unsere Kampagne so wichtig? Menschen spenden für Menschen. Und ein Mensch wirkt dann überzeugend, wenn er seine Geschichte erzählt. Doch wie schafft man es, eine spannende, persönliche Geschichte zu schreiben? Till Mletzko, Fundraiser bei Wikmedia Deutschland, sprach mit Victor Grigas, hauptamtlicher Storyteller bei der Wikimedia Foundation


Kannst Du dich kurz vorstellen: Wer bist Du? Welchen beruflichen Hintergrund hast Du und wie bist Du zur Wikimedia Foundation gekommen?


Geboren und aufgewachsen bin ich in Chicago, Illinois. Meine Mutter wurde in Texas während der Rassentrennung geboren und ist dort auch aufgewachsen. Dort arbeitete sie als Bibliothekarin und ist heute Lehrerin. Mein Vater ist der Sohn illegaler Einwanderer aus Litauen und wuchs während der amerikanischen Prohibition in einer Bar auf. Außerdem ist er Kriegsveteran des Zweiten Weltkriegs, Fotograf und momentan saniert und vermietet er auch Wohnungen. Ich bin sozusagen in das Vermietungsgeschäft hineingeborgen. Das gibt Dir einen kleinen Überblick über die Menschen, die mich großgezogen haben. Ich hab mein ganzes Leben in Chicago gelebt, außer den drei Monaten, die ich in Berlin war und dem letzten Jahr, das ich in San Francisco verbracht habe. In meiner Jugend und mit Anfang zwanzig habe ich Kerzen hergestellt. Das hat viel Spaß gemacht, weil man am Ende eines Arbeitstages so gut riecht.


Mein beruflicher Hintergrund und meine Ausbildung liegen im Bereich Film, Video und Audio. Den größten Teil meines Berufslebens war ich Freiberufler und habe alles Mögliche im Bereich Filmproduktion gemacht. Da war alles dabei: von Unternehmenskommunikation bis zu Independent-Kurzfilmen. Mein Lieblingsprojekt war „I AM CHICAGO“: Ich habe mit drei Freunden einen Umzugstransporter mit durchsichtigem Dach gemietet und darin eine Kamera und einen neutralen Hintergrund installiert, um dann Ganzkörperporträts darin aufzunehmen. Wir sind damit in alle möglichen Ecken von Chicago gefahren, rollten einen roten Teppich aus und haben dann für einen Tag dort rumgehangen und den Leuten kostenlose Ganzkörperporträts vor Ort ausgedruckt. Bei diesem Job haben wir vor allem Videos gedreht, die hinter die Kulissen schauten. Wir haben mit den dort Anwohnern Interviews geführt und mit ihnen darüber gesprochen, wer sie sind und woher sie kommen. Wir haben ganz verschiedene Leute dabei kennengelernt. Chicago ist eine der fünf vielfältigsten Städte der Welt. Dort gibt es einige sehr reiche und sehr sichere Gegenden, andererseits aber auch sehr arme und gewalttätige Bezirke. Wir haben sie alle gefilmt – insgesamt um die 40 Viertel. In fast jedem gab es einen Betrunkenen, der einfach zu uns kam und uns den ganzen Tag auf die Nerven ging. Die ganzen armen Leute fanden es toll von uns ein kostenloses Porträt zu bekommen, während es schwierig war, die Anzugträger dazu zu bringen, die Einverständniserklärung zu unterschreiben.


Ich bin seit 2005 aktiver Wikipedia-Autor. Während einer Google-Suche bin ich auf die Seite gestoßen und fand sie am Anfang, ehrlich gesagt, ein bisschen nervig. Damals bestand die englische Wikipedia nur aus roten Links und Stubs und man bekam keine guten Ergebnisse, wenn man nach etwas suchte. Ich sah den „Bearbeiten“-Button, versuchte etwas zu ändern und war begeistert – ich konnte eine Enzyklopädie schreiben! Ich schrieb viel über Chicago und Graffiti und begann Fotos hochzuladen. Mir gefiel die Inklusivität von Wikipedia. Ich bin damals immer mit Freunden aneinandergeraten, weil ich der Meinung war, dass sie auf lange Sicht alle anderen Enzyklopädien ablösen würde, da dieses Modell ja alle alten Enzyklopädien integriert. Ich habe ein echtes Problem damit, soziale Klasse und Verantwortungsbereiche als etwas Unveränderliches hinzunehmen.


Spulen wir vor ins Jahr 2011 und plötzliche sehe ich eine Stellenausschreibung auf der Wikimedia-Webseite nur zwei Tage vor der Bewerbungsfrist. Ich sagte mir, ich liebe Wikipedia! Also habe ich ein Anschreiben verfasst, meinen Lebenslauf überarbeitet und innerhalb von 48 Stunden eine Videoversion meines Anschreibens gedreht. Damit habe ich mich dann beworben. Das hat den Leuten gefallen und sie haben mir eine halbe Stelle gegeben. Inzwischen arbeite ich hier Vollzeit.


Was ist Dein Job bei der Wikimedia Foundation und was genau machst Du dort?


Victor interviewt Dr. Sengai Podhuvan für die Spendenkampagne 2011

Ich finde und dokumentiere einzigartige Geschichten über die Menschen, die in der Wikipedia und den anderen Wiki-Projekten mitmachen, um sie dann für das Fundraising und die PR zu benutzen. Außerdem produziere ich Fotos und Videos für die Foundation, wenn sie gebraucht werden. Ich versuche, so viele Autoren-Interviews wie möglich auf Video aufzuzeichnen. Als Wikipedianer finde ich es schlimm, dass man seit Jahren die Wikipedia immer nur mit einem reichen weißen Nordamerikaner namens Jimmy Wales verbindet. Mein Job ist es, dieses Bild zu korrigieren, das wir als Organisation und Bewegung leider selbst kreiert haben.


Welche Kraft kann eine Geschichte haben?


Geschichten machen uns menschlich. Sie motivieren uns und begleiten uns durchs Leben, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Man kann mit Geschichten eine ganze Armee oder eine Menschenmasse antreiben. Geschichten über die Wikipedia sind deshalb so interessant, weil Wikipedia und all die anderen Wiki-Projekte das Ziel haben, Faktenwissen zu veröffentlichen und dabei die Meinungen, Charaktere und Menschen dahinter auszusparen. Die persönlichen Geschichten, die ich über die Wikipedia finde, sind sozusagen der Blick hinter die Kulissen.


Gibt es ein Geheimrezept für das Erzählen von Geschichten?


Ja! Man braucht einen Aufhänger, irgendetwas, das deiner Meinung nach auffällig ist. Wenn man jemandem etwas Neues zeigen kann, dann wird er sich auch später wieder daran erinnern. Deswegen sind Metaphern so ein wichtiger Teil unserer Sprache – sie erzählen in wenigen Worten eine ganze Geschichte, die man im Kopf behält und mit denen man eine ganze Menge Ideen zusammenfassen kann.


Jeder hat seine ganze eigene Geschichte, aber die meisten sind sich darüber nicht bewusst. Wie kriegst Du die Menschen dazu, Dir ihre Geschichte zu erzählen? Zuerst einmal muss man ehrlich, geradeheraus und eindeutig sein. Keine Zweideutigkeiten oder so was. Ich muss den Menschen sagen, was genau ich mache und wofür wir ihr Interview verwenden wollen.


Zweitens spreche ich mit den Leuten, die ich interviewe, über sich selbst und erst dann über ihr Engagement in der Wikipedia. Wir sprechen normalerweise eine Stunde miteinander. Auf diese Art (zusammen mit der Recherche, die ich vor dem Interview über die Person mache) ist es für mich leichter zu verstehen, wieso sie vielleicht genau die Artikel schreiben, die sie in der Wikipedia schreiben.


Drittens rede ich mit meinen Interviewpartnern wie mit anderen Menschen auch. Unterhaltet euch! Wenn ich mit einer Krawatte auftauchen würde und mich sehr förmlich verhalten würde, hätten sie nur das Gefühl, dass sie sich auch förmlich verhalten müssten und das verdirbt die Stimmung total. Dann baut man eine Mauer auf. Auf Deutsch gibt es „Sie“ und „Du“, alles soll „Du“ sein.[1] Natürlich bin ich höflich, aber wenn sich die Unterhaltung in eine bestimmte Richtung entwickelt oder einen bestimmten Ton annimmt, dann lasse ich mich darauf ein und das führt mich dann zu ganz verschiedenen Geschichten und Ausdrücken. Ich muss zuhören. Man kann nicht einfach einen Fragenkatalog abhaken. Jedes Interview ist eine ganz neue Erfahrung.


Normalerweise ist es so, dass sich Menschen leichter öffnen können und persönlicher sind, je niedriger ihre soziale Klasse ist. Wenn sie älter sind, hatten sie längere Zeit Geschichten zu sammeln. Diese sind allerdings schwieriger zu finden, denn die meisten Wikipedianer sind gebildete Leute in den Zwanzigern.


Du bist in der Vergangenheit in der Welt herumgereist, um Geschichten für die Spendenkampagne zu sammeln. Wie bereitest Du dich vor einem Interview vor?


Ich versuche, so viele Informationen wie möglich über die Menschen zu finden bevor ich mit ihnen spreche. Ich schaue mir die Versionsgeschichten und Diskussionsseiten der Wikipedia-Artikel an und versuche schon vor dem Treffen oder Telefonat ein paar Testfragen zu stellen. Auf diese Weise kann ich das Interview mit ein paar vorgefertigten Fragen beginnen und nach einer Geschichte suchen, die ich vielleicht gern erzählen würde. Wenn ich zum Beispiel wüsste, dass jemand Arzt ist und Artikel zum Thema Fettleibigkeit schreibt, würde ich gern Fragen nach der Verlässlichkeit von Wikipedia stellen, vor allem wenn es um medizinische Themen geht, die Leben und Tod bedeuten könnten. Ich würde mit ihnen über ihr Spezialgebiet sprechen und wieso sie genau über Fettleibigkeit schreiben. Ich würde auch fragen, ob sie jemanden persönlich kennen, der adipös ist oder ob sie vielleicht selbst davon betroffen waren.


Ich versuche auch, eine Art Zeitleiste über die Menschen aufzubauen, die sie dann während des Interviews ausfüllen können. Manchmal habe ich aber auch nur sehr wenig, mit dem ich arbeiten kann. Versionsgeschichten und Diskussionsseiten liefern nur ein gewisses Maß an Informationen, also habe ich auch immer noch ein paar allgemeine Fragen, die ich jedem stelle.


Soweit es mir möglich ist, tue ich alles, um kulturelle Unterschiede zu respektieren. Deshalb ist es so wichtig, zu recherchieren, wo eine Person herkommt. Das ist allerdings manchmal sehr schwierig, wenn man über Skype oder per Telefon miteinander spricht.


Karthik Nadar

Welches war die tollste Erfahrung, die Du mit einem Interviewpartner gemacht hast?


Ich muss sagen, Karthik Nadar war toll. Als ich mich mit ihm getroffen habe, war ich gerade in Indien und wir hatten ausgemacht, uns in meinem Hotelzimmer zu treffen. Als er reinkam, sah er sich im Zimmer um (es war ungefähr 13m² groß) und erzählte mir, dass er, seine Schwester und seine Eltern in einem Zimmer von ungefähr dieser Größe lebten, in dem es allerdings keinen Kühlschrank oder Klimaanlage gibt, weil diese nicht umweltfreundlich sind. Zu Hause spricht er Sanskrit. Er arbeitet als Buchhalter und verbringt viel Zeit am Computer. Er hat also ein wenig freie Zeit, um die Wikipedia zu editieren. Dann gab es einen Terroranschlag in seiner Nähe. Er machte ein Foto von einem explodierten Auto mit seinem Handy und begann den Artikel zu diesem Ereignis in der englischsprachigen Wikipedia zu schreiben. Ich machte ein Foto von ihm und er schaffte es in die Spendenkampagne von 2011. Die Leute haben mir immer wieder geschrieben, wie hübsch sie ihn finden. Seine Geschichte ist für mich etwas ganz besonderes, vielleicht weil sie mich an die Terroranschläge vom 11. September 2011 erinnert hat.


Gibt es etwas Besonders am „Storytelling“ von Wikimedia/Wikipedia? Besteht ein Unterschied zu dem Storytelling anderer gemeinnütziger Organisationen?


Ich war letzten Monat auf einer Veranstaltung zum Thema Storytelling und dort ging es die ganze Zeit nur um Werbung. Dort sprachen sie nur darüber, wie man Cartoon-Figuren mit dem Marketing für Limonade verbinden könnte oder wie man kreative Werbespots produzieren kann, die die Reichweite von Werbung vergrößern können. Denen ging es nur um Geld. Ich wollte mich übergeben. Versteh mich nicht falsch – ich liebe Kreativität und Theatralik, aber ich denke, dass es im Unterschied dazu bei Wikimedia eher darum geht, ob etwas funktioniert. Es ist eher so, dass es hier darum geht, wie ich meine Kreativität dazu nutzen kann, Wikipedia zu helfen, freies Wissen zur Verfügung zu stellen. Wenn ich eine Idee habe, dann ist es das Ziel diese umzusetzen und rauszufinden, ob sie funktioniert. Es geht nicht darum, eine Idee an ein Unternehmen zu verkaufen, damit es sie testet und dann sonst was damit anstellt, was mich nicht mehr interessieren muss, nachdem ich dafür bezahlt worden bin. Was das betrifft, sind wir ähnlich wie andere gemeinnützigen Organisationen. Es ist schon beeindruckend, was es für einen Unterschied macht, wenn man an etwas arbeitet, das einem wirklich am Herzen liegt.


Was hat Storytelling mit der Spendensammeln zu tun?


Storytelling macht das Spendensammeln vielfältiger, was für alle anderen Spendensammler ein Zugewinn ist. Ich arbeite im Fundraising-Team. Mein Team nimmt den „kreativen Content“, den ich schaffe, und macht aus den Interviews Spendenaufrufe. Das sage ich den Leuten auch, bevor ich sie interviewe. Dazu muss ich eine kleine Geschichte erzählen: Bevor ich hier anfing, nutzen die Fundraiser für die Kampagne im Jahr 2010 Spendenaufrufe, die ein paar tolle Spender selbst geschrieben hatten. Das war ein Desaster! Es stellte sich heraus, dass niemand gern um Geld bittet und keiner einschätzen konnte, ob Aufrufe von bezahlten Schreibern funktionieren würden. Als ich dann anfing hier zu arbeiten, hatten wir ein bisschen Anfängerglück. Wir interviewten Brandon Harris und er redete sehr leidenschaftlich über seinen alten und seinen neuen Job. Wir führten einen A/B-Test mit seinem Foto und dem von Jimmy Wales durch und der Erfolg von Brandons Foto übertraf den von Jimmys Bild. Diesen Teil des Prozesses bestimme ich natürlich nicht, aber es ist doch sehr interessant. Das Fundraising-Team macht vor der Spendenkampagne immer ein paar A/B-Tests, so dass wir die vorhandenen Aufrufe und Fotos optimieren können. Dieser Prozess hilft uns zu verstehen, was funktioniert und was nicht. Das Verhältnis von Interviews, die ich führen muss, bevor ich ein gutes Fundraising-Interview im Kasten habe, ist ungefähr 15 zu 1. Es gibt also eine kleine Menge an Inhalten, die wir für alles Mögliche verwenden können. Diese Videos sind allerdings im Moment noch privat, denn manches, was mir meine Interview-Partner erzählen, könnte sie den Job kosten, ins Gefängnis bringen, umbringen, ihnen eine Scheidung einhandeln oder sie in andere schlimme Situationen bringen. Wir müssen sehr vorsichtig sein.


Was plant ihr für die nächste Spendenkampagne?


Im März war ich in Brasilien und Argentinien, in einer Woche fahre ich nach Deutschland und Russland, außerdem plane ich Ende des Jahres nach Kenia zu fliegen. In Kenia lebt ein Typ, der ganz allein ein Flugzeug mit einem Toyota-Motor gebaut hat. Die Anleitung dazu hatte er aus der Wikipedia. Ich bin schon ganz gespannt darauf mit ihm zu reden. Auf der Wikimania wollen wir dieses Jahr alle unsere Interviews filmen und sie dann zu einem 90-Sekünder zusammenschneiden, der die Wikipedia aus Sicht der Autoren erklärt. Wir müssen kreativ sein und neue Ideen ausprobieren, denn der strategische Plan für 2013 sieht vor, dass wir ca. 60 Millionen Dollar an Spenden einnehmen. Das ist fast doppelt so viel wie 2011. Deswegen mache ich dieses Interview hier. Ich hoffe, dass Leute, die in der Wikipedia schreiben oder sie nutzen und eine interessante Geschichte zu erzählen haben (oder Leute kennen, die etwas zu erzählen haben), sich bei mir melden, ihre Geschichte teilen und dabei helfen, Wikipedia besser zu machen.

  1. Er spricht an dieser Stelle deutsch

Interview mit der Spenderin Birgit Deter

Können Sie kurz etwas über sich und Ihren beruflichen Werdegang erzählen?

Durch meine Tätigkeit als SAP-Beraterin bin ich es gewohnt, ständig den Computer zu benutzen, ob als Laptop oder Smartphone. Ich war schon früh von der neuen Technologie begeistert. Nach meinem Abitur 1982 habe ich zunächst eine Verwaltungslaufbahn eingeschlagen und bin dann als Quereinsteigerin zur Informationstechnologie gekommen. Informatik gab es als Studiengang noch gar nicht. Ich erinnere mich, wie ich damals voller Stolz meinen ersten PC nach Hause schleppte, einen Schneider PC mit 512 KB Arbeitsspeicher und einer 20MB-Festplatte. Ich bin kein Computerfreak, sondern habe nur aus Spaß meine Bücher und Kassetten katalogisiert, mit der Tabellenkalkulation Berechnungen durchgeführt und die Textverarbeitung genutzt.
Auch im beruflichen Umfeld trat der PC seinen Siegeszug an, die Einführung des E-Mail-Verfahrens erschien mir völlig selbstverständlich, genau wie der Aufbau von Intranets in den Firmen. Die große Bedeutung des aufkommenden Internets konnte ich damals jedoch überhaupt noch nicht ermessen. Die ersten Webseiten waren einfach gestrickt, es gab noch nicht viele sinnvolle Angebote im Netz, und die Werbung fing früh an zu nerven. Umso begeisterter nutzte ich die FTP-Server der Universitäten sowie Internet-Wörterbücher.

Wann haben Sie Wikipedia zum ersten Mal benutzt?

Wikipedia habe ich eigentlich von der ersten Stunde an genutzt. Wie ich auf Wikipedia gestoßen bin, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Ich war immer auf der Suche nach nützlichen Webseiten und habe mir eine entsprechende Linksammlung angelegt. Die gefundenen Wikipedia-Einträge haben mich jedes Mal überzeugt, auch wenn ich zweifelnde Stimmen bezüglich der Qualität gehört habe.

Standen Sie dem Ansatz des Freien Wissens und der Tatsache, dass jeder jeden Artikel verändern kann, schon immer positiv gegenüber?

Die Philosophie von Wikipedia hat mir sofort eingeleuchtet: Menschen, die freiwillig und mit Begeisterung bei der Sache sind, liefern hervorragende Ergebnisse ab. Und dann erst der freie Zugang! Das ist doch toll! Es kostet keinen Cent und ich werde von keiner zappelnden Werbung genötigt. Es gibt so viel Schrott im Internet, da erscheint mir Wikipedia wie ein Leuchtturm. Ich hatte in meiner Schulzeit von Haus aus wenig Möglichkeiten, Nachschlagewerke zu nutzen. Insofern glaube ich, dass eine Enzyklopädie wie Wikipedia in der Lage ist, dabei zu helfen, Chancengleichheit herzustellen und Bildungsbenachteiligung zu beseitigen.

Nutzen Sie noch gedruckte Enzyklopädien? Und wo liegen Ihrer Meinung nach die Vorteile von Wikipedia?

Gedruckte Enzyklopädien benutze ich heute fast gar nicht mehr. Ich vertraue meistens auf die Korrektheit von Wikipedia. So lange es ein freies Internet gibt, werden Fehler über kurz oder lang „automatisch“ erkannt und ausgemerzt – und das auch noch viel schneller, als es bei gedruckten Werken möglich wäre.

Haben Sie schon mal einen Artikel für Wikipedia geschrieben?

Ich benutze Wikipedia täglich und nicht nur für bestimmte Themengebiete. Allerdings habe ich erst ein einziges Mal – sehr ehrfürchtig – etwas in Wikipedia korrigiert.

Können Sie sich daran erinnern, was den Ausschlag zu Ihrer Spende für Wikipedia gegeben hat?

Da ich es mir nur schwer vorstellen kann, einen ganzen Artikel zu schreiben und weil ich wegen dieser „Konsumhaltung“ ein kleines schlechtes Gewissen habe, spende ich seit einigen Jahren gerne, um wenigstens auf diese Weise etwas zu diesem großartigen Projekt beizusteuern. Den Ausschlag zu meiner Spende 2011 haben außerdem die tollen Mitarbeiterporträts in den Spendenaufrufen gegeben. Die habe ich als sehr positiv und authentisch empfunden. Dort ging es um sinnvolle Inhalte und nicht um die Verpackung, wie es leider so oft im virtuellen und leibhaftigen Leben ist.

Wie haben Sie von Wikimedia erfahren?

Von Wikimedia habe ich durch ein an mich persönlich adressiertes Schreiben erfahren. Die Möglichkeit, mittels einer Mitgliedschaft auf Dauer an der Förderung Freien Wissens mitzuwirken, hat mich fasziniert.

Wie stellen Sie sich Wissen in der Zukunft vor?

Das Wissen der Zukunft stelle ich mir noch mobiler vor. Durch die Verbreitung neuer Endgeräte werde ich immer und überall auf die Informationen zugreifen können, die mich interessieren. Ich hoffe nur, dass mit der freien Verbreitung von Wissen kein inflationärer Effekt eintritt. Wissen und Autorenschaft werden nicht mehr wertgeschätzt, wie der Fall zu Guttenberg und andere gezeigt haben. Aber auch hier war das Internet ziemlich schnell sein eigenes Korrektiv. Ein Beweis, dass es funktioniert!

Wikimedium 3/12

Interview mit Sarah Stierch

Zur Person

Sarah Stierch

Als Community Fellow der Wikimedia Foundation hat Sarah Stierch das sogenannte Teahouse in der englischsprachigen Wikipedia ins Leben gerufen. Diese Plattform ist als Anlaufstelle für neue, vor allem weibliche, Wikipedianer gedacht. Ihre Arbeit steht ganz im Zeichen der Bekämpfung des Gender Gap und ist auf ein Jahr angelegt. Sie hat Museologie studiert, engagiert sich ehrenamtlich für GLAM (Galerien, Bibliotheken, Archive, Museen) und war Wikipedian in Residence an der Smithsonian Institution.

Kannst du mir ein bisschen über deine Arbeit bei der Foundation erzählen? Hast du in den Wikimedia-Projekten auch Erfahrungen gesammelt?

Ich bin ein Community Fellow. In den Vereinigten Staaten gib es sogenannte Fellowship-Programme, die vor allem bei gemeinnützigen Organisationen angeboten werden. Diese Programme sind vor allem für Studenten oder Absolventen und beschäftigen sich mit bestimmten Forschungsprojekten. Ich habe einen Antrag eingereicht, um als Gender-Gap-Fellow an einem Projekt mitzuarbeiten, das das Teahouse in der englischen Wikipedia geworden ist. Dieses Projekt ist ein Anlaufpunkt und Outreach-Projekt, das mehr Frauen dazu animieren soll, sich in der Wikipedia und ihren Schwesterprojekten zu engagieren. Wir versuchen herauszufinden, wie wir das erreichen können.

Die Stelle war erst ein Teilzeit-Job, aber jetzt arbeite ich Vollzeit und bin nach San Francisco umgezogen. Aus Gründen der Transparenz möchte ich noch erwähnen, dass ich zwar bezahlt werde, aber kein Angestellter der Foundation bin. Das Geld, das ich bekomme, kompensiert die Zeit und Mittel, die ich aufwende. Es ist eine befristete Stelle, die auf zwölf Monate verlängert wurde.

Ich editiere Wikipedia seit 2004 und bin seit 2006 registriert. Seit 2009 bin ich auch in der Community aktiv und arbeite an Inhalten, die mit Kunst im öffentlichen Raum beschäftigen und habe mit ein paar Anderen ein Projekt aufgebaut (WikiProject Public art). Dann habe ich realisiert, dass es quasi eine ganz Welt um GLAM und Outreach gibt. Ich habe Erfahrungen als Kuratorin und einen Master in Museologie. Als ich von GLAM erfahren habe, habe ich mich direkt beteiligt. Seit ich vom Gender-Gap weiß, engagiere ich mich auch dafür. Hier bin ich also! Als Freiwillige arbeite ich für GLAM, als Fellow konzentriere ich mich auf Frauen in der Wikipedia.

Was ist das Teahouse?

Die Idee für das Teahouse kam während einer Diskussion bei der Wikimedia Foundation auf. Ich habe als Freiwillige meine eigene nicht-wissenschaftliche Umfrage gemacht, bei der ich mehr als 300 Frauen befragt habe, die Wikipedia editieren. Wir haben darüber gesprochen, warum sie editieren, was sie bei ihrer Arbeit motiviert, wie sie die Atmosphäre in der Community empfinden, wie sie sich davon beeinflussen lassen, wie sie in der Community eingebunden sind, wie sie sich die bessere Einbindung von Frauen in der Wikipedia vorstellen und wie sie denken, dass dies geschehen könnte. Man hört dann oft von Leuten, dass man Wikipedia nicht so leicht versteht. Weißt du, jeder kann Wikipedia bearbeiten, aber nicht jeder weiß, wie. Wir haben Glück, dass es viele Leute nicht so schwierig ist, mit Technik und Sprachcodes umzugehen, aber so sind nun mal nicht alle Menschen. Viele Leute haben sich also über die schlechte Qualität unserer Infomaterialien und Online-Hilfen beschwert. Sie sagten, dass wir die Menschen besser integrieren und unterstützen müssten.

Ich habe meine Ergebnisse also der Foundation und einer Gruppe Freiwilliger präsentiert und nach einem langen Gespräch am runden Tisch wurde daraus der Antrag für mein Fellowship: Ich wollte einen Ort in der Wikipedia schaffen, wo neue Autoren Unterstützung bekommen können. Das wollten wir auch deshalb tun, weil es ja zwei Jahresziele des Strategieplans sind, die Anzahl der weiblichen Autoren zu erhöhen und die Zahl der Autoren insgesamt zu stabilisieren, denn wir verlieren sie langsam. Also sagten wir uns, dass es ziemlich cool wäre, so eine Art Café zu haben. Jeder geht gern ins Café, hängt dort rum und unterhält sich. Gleichzeitig ist Wikipedia aber auch bekannt dafür, kein besonders soziales Medium zu sein. Viele von uns wissen aber auch, dass es ein soziales Konstrukt ist, wie Jimmy Wales mal gesagt hat. Wikipedia existiert ja nur deshalb, weil die Menschen miteinander kommunizieren, um eine Enzyklopädie zu erschaffen, auch wenn diese Kommunikation nicht wie in einem typischen sozialen Netzwerk funktioniert. Wir haben uns also vorgenommen, einen coolen Ort auf Wikipedia zu schaffen, wo Autoren unterstützt werden und der gleichzeitig sozial ist, ohne zu sozial zu sein. Ich habe mit Siko Bouterse zusammengearbeitet, um meinen Antrag zu formulieren. Sie ist die Leiterin des Fellowship-Programms. Mein Antrag wurde dann akzeptiert und Siko erzählte mir, dass es noch einen anderen Fellow gäbe, der gerade seine Doktorarbeit schreibt. Er heißt Jonathan Morgan und er forscht und macht statistische Analysen über Online-Communities und Gemeinschaftsarbeit . Wir sprachen also mit Jonathan und entwarfen ein Projekt, welches wir das „Teahouse“ nannten, weil Tee ja ein bisschen universeller als Kaffee ist. Wir wollten, dass es nicht so aussieht wie der Rest von Wikipedia. Wir wollten, dass es einzigartig und attraktiv ist. Wir erstellten also eine Seite, auf der wir Daten über Neuautoren sammelten und darüber, was die Leute dazu bringt, gemeinschaftlich an Projekten in der ganzen Welt mitzuarbeiten, was Frauen sich vom gemeinschaftlichen Arbeiten erhoffen und welche Unterstützung sie benötigen. Außerdem sammelten wir Daten darüber, was Frauen sich von der Arbeit an einem Gemeinschaftsprojekt erhoffen und welche Art von Unterstützung sie brauchen. Wir haben unsere Ergebnisse präsentiert und gesagt: „Das hier haben wir herausgefunden und wir werden folgendes damit machen.“ Die Pilotphase des Teahouse dauerte von Februar bis Mai in der englischsprachigen Wikipedia und es ist heute immer noch online. Mittlerweile sind wir in Phase zwei und es läuft super! Es ist eine Online-Hilfeseite, die in ihrem Design sehr ruhig ist. Sie ist wirklich sehr ansprechend und sieht nicht aus wie eine typische Wikipedia-Seite. Man kann hier zwei Dinge tun: Man kann andere Wikipedianer finden, die an Artikeln arbeiten und man kann ein Bild von sich machen und ein kurzes Statement über sich selbst und seinen Usernamen abgeben. Man kann dort auch die sogenannten „Gastgeber“ treffen. Das ist also der soziale Aspekt. Es gibt eine Gruppe von Gastgebern, die selbst Wikipedianer und sehr hilfsbereit sind. Die Gastgeber sind selbst sehr daran interessiert, dass sich auf Wikipedia etwas ändert was den Umgang miteinander und die Hilfestellung für Neuautoren betrifft. Man kann Näheres über sie auf ihren Profilen erfahren und sie dort direkt kontaktieren. Dann gibt es auch noch einen „Frage-und-Antwort“-Bereich, wo dann ein Javascript aufpoppt und sagt: „Stell deine Frage hier!“ Man kann seine Frage erst stellen, wenn man sie unterschrieben hat, aber auch das zeigt das Popup. Die neuen Fragen erscheinen, wie in 99% des Internets, am oberen Ende der Liste und man bekommt eine freundlichen Antwort ohne viel Wikisprache: „Hallo, willkommen im Teahouse.“ Wir hatten ziemlich viel Glück: 32% unserer Teilnehmer, mehr als 400 haben teilgenommen, bearbeiten weiterhin Wikipedia. Ihre Bearbeitungen bleiben zehnmal öfter stehen als die Bearbeitungen von Autoren, die nicht am Teahouse teilgenommen haben. Und 28% unserer Teilnehmer sind Frauen. Das ist ja schon mal viel mehr als die 9%, die sonst immer kommuniziert werden. Und wenn man lange genug im Teahouse ist, sieht man das auch. Man sieht Frauen, die anderen Frauen helfen und die dieses gemeinschaftliche Hilfesystem praktizieren, das wir uns so sehr für Wikipedia wünschen.

Was denkst du, wieso so wenige Frauen an Wikipedia mitschreiben?

Das hat meistens mit fehlender Zeit zu tun. Und genau das verstehe ich nicht ganz, denn Frauen verbringen statistisch gesehen die meiste Zeit in den sozialen Medien. Wie können wir diese Diskrepanz also überwinden? Wie können wir Wikipedia genauso wertvoll und cool machen wie die sozialen Medien, die unsere ganze Zeit fressen?

Viele Menschen wissen außerdem nicht, dass wir ein gemeinnütziger Verein sind und dass sie tatsächlich mitschreiben können. Und es ist notwendig, dass möglichst viele Leute mitmachen. Wir müssen das noch besser an die Öffentlichkeit kommunizieren, müssen zeigen, wie Wikipedia funktioniert und es zu einer attraktiveren, besseren Erfahrung machen. Und das kann man dann z.B. durch solche Projekte wie das Teahouse erreichen. Wir müssen vor allem Frauen klar machen, dass wir es wertschätzen, dass sie mitmachen und ihre Zeit investieren.

Wie können wir deiner Meinung nach die Zugangsbarrieren für diejenigen senken könne, die gern mitmachen möchten, aber nicht wissen, wie?

Ich glaube, es hängt damit zusammen, wie wir uns gegenseitig unterstützen, wie wir Frauen zeigen, dass uns ihre Zeit und ihre Stimme viel wert ist – wir brauchen ihre Stimme, damit die Inhalte von Wikipedia neutral zu bleiben. Der visuelle Editor ist toll, weil man jetzt keine Programmiersprache mehr lernen muss. Wenn man ihn benutzt, klickt man einfach „speichern“ und die Bearbeitung erscheint sofort.

Ich wünsche mir auch eine Art Aktionsraum für Frauen, der mit Wikipedia verbunden ist. Dieser würde total cool aussehen und eine soziale Komponente haben. Ich glaube, wir wollen alle gern mit anderen zusammenarbeiten und es ist doch wirklich toll, mit anderen Frauen an einem Projekt zu arbeiten. Es geht ja auch nicht nur um Wikipedia. Man kann Fotos auf Commons hochladen, an Wikisource arbeiten, sich bei einer Organisation engagieren, bei einem Chapter arbeiten oder ein Verfechter Freien Wissens sein.

Wie können wir den Gender Gap mithilfe von internationaler Zusammenarbeit verkleinern?

Zum Beispiel mit dieser Unterhaltung. Wikipedia-Autorinnen oder Frauen, die auf eine andere Art ihr Wissen teilen, haben z.B. in Deutschland und den USA viele Gemeinsamkeiten. Hier zu sein, ist für mich sehr wichtig und ich habe, z.B. auf der Wikipedia Academy, viel darüber gelernt, wie es für deutsche Frauen ist, sich mit Feminismus auseinanderzusetzen. Das ist hier etwas ganz anderes als in den USA. Es ist schwierig in Kulturen, wo anderen Menschen auf einen herabblicken und denken, man sei eine verrückte, stereotype Feministin.

Es gibt sowohl online als auch offline Organisationen, die Männern dabei helfen, gute Verbündete für Frauen zu sein. Ich denke, das ist etwas, dass auf lokaler und internationaler Ebene von großer Bedeutung sein wird. Wir müssen einander respektieren und unterstützen und wir müssen uns mit Männern verbünden. In einer vor allem männlich geprägten Community wie Wikipedia werden wir Männer brauchen, die uns bei dem unterstützen, was wir tun.

Wir haben trotz der sprachlichen Unterschiede Gemeinsamkeiten. Und ich denke, wenn wir Dinge finden, die in der englischsprachigen Wikipedia funktionieren, dann werden sie auch hier funktionieren. Das Teahouse ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben schon darüber nachgedacht, wie wir es in der deutschen Wikipedia testen können. Das werde ich mir ganz bestimmt nicht entgehen lassen.

Welches Ziel würdest du gern während deines Fellowships erreichen?

Mein Traum ist es, den Frauenanteil auf 11% zu erhöhen, auch wenn sich das nach wenig anhört. Dann würde ich mein Fellowship beenden und denken „wir haben etwas erreicht, die Community hat die Herausforderung angenommen und jetzt wissen wir, wie wir noch mehr erreichen können.“

Ich will außerdem dringend, dass wir diesen Aktionsraum für Frauen einrichten, weil ich darauf schon so lange warte und ich es spannend finde.

Meine Werkzeuge
Namensräume

Varianten
Aktionen
Verein0
Verein
Informieren
Spenden
Werkzeuge